Wir gegen Wiesenhof – Solidarität mit den acht SchlachthofbesetzerInnen von Bogen und Wietzen-Holte!

Wer im Stich läßt seinesgleichen, läßt ja nur sich selbst im Stich.
Bertolt Brecht

Ende Februar und Anfang Mai wird acht Tierbefreiungs- und TierrechtsaktivistInnen aus ganz Deutschland vor dem Amtsgericht im bayrischen Straubing und vor dem niedersächsischen Landgericht Verden der Prozess gemacht. Ihnen wird „Sachbeschädigung“, „Nötigung“ und „Hausfriedensbruch“ vorgeworfen.

Faktisch sitzen alle acht aber nicht wegen der Bagatelldelikte auf der Anklagebank, die ihnen zur Last gelegt werden, sondern wegen ihres Protests und Widerstands gegen die kapitalistische Ausbeutung und Tötung von Tieren durch Deutschlands Geflügel-Schlachter Nummer eins: die PHW-Gruppe. Das niedersächsische Unternehmen ist in der Öffentlichkeit besser bekannt unter dem Namen Wiesenhof, eine der PHW-Tochtergesellschaften und das Flaggschiff des Firmenimperiums der Kapitalistenfamilie Wesjohann.

Blockaden und Besetzungen von Schlachtfabriken

Hintergrund der juristischen Verfahren sind zwei Aktionen des kollektiven zivilen Ungehorsams gegen den Wiesenhof-Konzern. Im Februar 2016 besetzen 30 TierbefreiungsaktivistInnen Baukräne und das Baubüro auf einer Baustelle in Bogen bei Straubing, verteilten Flyer und hängten Transparente auf. Dort sollte eine Hühnerschlachtfabrik wiederaufgebaut werden, die zuvor abgebrannt war. Sie ist Eigentum von Deutschlands führenden Geflügelfleischproduzenten. Sieben der 30 Beteiligten werden nun in Straubing dem Richter vorgeführt.

Im August 2016 wurde ebenfalls ein Schlachthof des Geflügelfleisch-Monopolisten im niedersächsischen Wietzen-Holte blockiert. Ein Aktivist nahm dabei auf einem LKW Platz und räumte ihn für mehrere Stunden nicht. Der Nienburger Amtsrichter Jan-Hauke Förtsch verurteilte ihn dafür zu drei Monaten Gefängnis ohne Bewährung. Der Justizbeamte war der Auffassung, eine besonders drakonische Strafe verhängen zu müssen, weil der Angeklagte mutmaßlich „in der Unrechtstradition politischer Straßenkämpfer wie der SA“ gestanden habe, „derer Methoden er sich im Kern bedient hat“. Gegen dieses Urteil beginnt im Mai am Landgericht Verden die Berufungsverhandlung.

Respekt, Solidarität und Unterstützung

Wir können das Handeln unserer FreundInnen und GenossInnen gut verstehen. Unzählige Male standen Tierrechts- und TierbefreiungsaktivistInnen schon vor Unternehmenstoren, ignoranten Konzernchefs oder FilialleiterInnen, die nur ihre Profite im Kopf haben, und teilnahmslosen PassantInnen. Wir sagen ihnen immer wieder, dass uns die Produktion, Verkauf und Verzehr von Fleisch von Wiesenhof und anderen nicht passt. Unsere FreundInnen und GenossInnen haben sich vor diesem Hintergrund entschieden, dafür zu sorgen, dass zumindest an einigen Orten das Schlachten beendet wird; dass das, was ihnen und uns nicht passt, auch nicht mehr länger geschieht.

Dafür gebührt ihnen größter Respekt, unsere Solidarität und Unterstützung.

Das Nachtreten der Staatsapparate wirkt angesichts 240 Millionen geschlachteter Vögel und einem Umsatz von knapp 2,5 Milliarden Euro im Jahr der PHW-Gruppe für das industrielle Töten wie eine Marotte bornierter BürokratInnen. Doch Repression ist ein notwendiges Übel im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung von Mensch und Tier. Das haben auch die Verfahren und Gesetzesverschärfungen der letzten Jahre in Westeuropa und den USA gezeigt. Es war also nicht anders zu erwarten. Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche den etablierten Gesellschaftsbau schützen. Sie treffen jene, die ihn in Frage stellen.

Deswegen sitzen zwar acht vor den Richtern, aber die Anklage gilt uns allen. Wir werden uns aber nicht vom juristischen Schmierentheater beirren lassen. In der Geschichte sind nie grundlegende Fortschritte ohne Widerstand und außergesetzliche Mittel gemacht worden, sofern die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Was sind besetzte Kräne, blockierte Zufahrtswege und ein paar Transparente gegen Elektrowasserbäder für Puten und Hühner oder vollautomatisierte Schlachtstraßen? Was ist die Blockade eines Schlachthofs gegen den Bau eines Schlachthofs?

ErstunterzeichnerInnen:
Animal Climate Action, Animal Uni Tierbefreiungsgruppe der Berliner Hochschulen, Assoziation Dämmerung, Berliner Tierbefreiungsaktion, Bündnis Marxismus und Tierbefreiung, die tierbefreier e.V., Kampagne gegen Tierfabriken, Offensive gegen die Pelzindustrie, Tierbefreiung Hamburg, Tierfabriken-Widerstand, Tierrechtsgruppe Zürich, Tierrechtsinitiative Hamburg

Weitere UnterzeichnerInnen: Twelve Monkeys – Vegankrams, Dr Pogo Veganladenkollektiv

Mehr Infos unter: kampagne-gegen-tierfabriken.info

Juristische Verfahren kosten Geld. Spendet auf folgendes Konto:
DE29 5139 0000 0092 8818 06VBMHDE5F Volksbank Mittelhessen
Verwendungszweck: Kampagne gegen Tierfabriken (bitte unbedingt angeben)


Veröffentlicht am 23. Februar 2018 in den Kategorien: Allgemein Antirepression


Linker Gegenkultur eine Perspektive geben!

Melodie & Rhythmus ist ein Magazin für kulturelle und künstlerische Fundamentalopposition gegen die alle Lebensverhältnisse von Mensch, Tier und Natur beherrschende falsche Produktionsweise. Doch die Einnahmen reichen nicht, um die hohen qualitativen Inhalte und die hervorragende Arbeit der Redaktion auf Dauer zu finanzieren. Die Produktion von M&R musste vorerst eingestellt werden.

Um das einzige professionelle Magazin für Gegenkultur vor dem Untergang zu bewahren, sind wir als Linke gefordert. Aufgeben – das geht gar nicht in Zeiten des aufhaltsamen Aufstiegs rechter und neokonservativer Demagogen, ihrer Organisationen, Medien und Parteien. Fortschrittliche Kultur darf nicht weiter an den Rand gedrängt und zerstört werden. Wir rufen daher alle dazu auf, noch heute ein Perspektivabo für die Melodie & Rhythmus zu erwerben!

M&R muss mit vereinten Kräften unterstützt und gerettet werden!


Veröffentlicht am 31. Januar 2018 in den Kategorien: Allgemein


Interview: »Tiere sollen keine Produktionsmittel sein«

In der Tageszeitung junge Welt ist am 12. Dezember 2017 ein Interview mit dem Bündnis Marxismus und Tierbefreiung erschienen, welches wir an dieser Stelle dokumentieren.

Bündnis verknüpft Marxismus und die Überwindung des Kapitalismus mit der Befreiung der Kreatur. Gespräch mit Daniel Werding

Interview: Christof Mackinger

Vor drei Jahren sind Sie mit dem Bündnis »Marxismus und Tierbefreiung« angetreten, um »eine theoretische und praktische Vereinigung« der marxistischen Linken und der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung voranzutreiben. In einem Thesenpapier haben Sie dies unlängst ausgeführt, und bei Ihrer kommenden »Osterakademie« in Hamburg wollen Sie die Diskussion vertiefen. Nun ist Marxismus vielen ein Begriff. Was ist unter Tierbefreiung zu verstehen?

Mit dem Begriff wird der Flügel jener sozialen Bewegung bezeichnet, die sich für ein anderes Verhältnis zu Tieren in der Gesellschaft einsetzt. Die Tierbefreiungsbewegung lehnt »Tierwohl« und den klassischen »Tierschutz« ab. Tierwohl ist eine Propagandavokabel der Industrie und der ihr wohlgesonnenen Staatsapparate. Sie meint, dass die Konzerne minimale Änderungen im Umgang mit Kühen, Schweinen usw. vornehmen, sich aber faktisch nichts Wesentliches ändert. Mit dem Tierschutz ist es ähnlich. Wir wollen aber nicht größere Käfige, kürzere Tiertransporte und das Ende der offenkundigsten Misshandlungen, sondern das Schlachten beenden und die Tiere befreien: »Artgerechte Haltung« oder »Nutzung« gibt es nicht. Tiere sollen keine Produktionsmittel sein und nicht wie Gratisproduktivkräfte behandelt, für Profit getötet und als Waren verhökert werden.

Täglich sterben Menschen im Mittelmeer, der Sozialstaat wird ab- und der Überwachungsstaat ausgebaut. Warum setzen Sie sich dann ausgerechnet für Tiere ein?

Wir lehnen es ab, die verschiedenen Probleme des Klassenkampfs gegeneinander auszuspielen. Die herrschende Klasse macht aus allem Geld, was es auf diesem Planeten gibt. Wir können ihr nicht einfach ein zentrales Feld wie die Tierindustrie überlassen. Die Spaltung nutzt dem Gegner, nicht uns. Im übrigen engagieren sich die Mitglieder unseres Bündnisses ebenso etwa gegen die imperialistischen Kriege der NATO und der EU.

Aber warum soll sich die Linke für Tierbefreiung interessieren, was hat das mit Marxismus zu tun?

Der historische Materialismus und Marx’ Analyse der kapitalistischen Produktionsweise sind ein Werkzeug, mit dem man die Ausbeutung von Arbeitern, Tieren und der Natur im Kapitalismus theoretisch begreifen und ihre Befreiung begründen kann. Ein Blick ins Marxsche »Kapital« zeigt zudem, dass die Kapitalisten neben den lohnabhängigen Klassen auch die Natur und die Tiere ausbeuten – wobei sich die Formen unterscheiden. Auf Basis der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie können wir zudem eine Strategie für eine kollektive antikapitalistische Praxis entwickeln, in der Tiere zwar nicht Subjekte, aber Objekte der Befreiung sind.
Wenn man sich die Fleischindustrie anschaut, gibt es zahlreiche Gründe, warum die antikapitalistische Linke und die Tierbefreiungsbewegung gemeinsam für ihre Abschaffung kämpfen sollten. Marx hat einmal, Thomas Müntzer zitierend, gesagt, auch die Kreatur müsse frei werden.

Wie stellen Sie sich eine gesellschaftliche Befreiung der Tiere vor?

Die Befreiung der Tiere ist angesichts des heutigen Stands der Produktivkräfte problemlos realisierbar. Sie benötigt aber einen Bruch mit den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen. Nur wenn uns die Schlachthäuser gehören, können wir sie dichtmachen oder einer Konversion hin zur gesellschaftlich sinnvollen Produktion unterziehen. Da gibt es keinen Unterschied zur Kohle-, Waffen- oder Kulturindustrie.


Veröffentlicht am 14. Dezember 2017 in den Kategorien: Allgemein


Hamburg, 30.3.–1.4.2018: Osterakademie des Bündnis Marxismus und Tierbefreiung

Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung organisiert vom 30. März bis 1. April 2018 in Hamburg ein Veranstaltungswochenende unter dem Titel „Die Zukunft der Bewegung – Tierbefreiung zwischen Opposition und Affirmation“. Das Programm und weitere Infos finden sich auf www.osterakademie.tk. Hier im Folgenden das Mobi-Video und der Aufruf zur Osterakademie:

Die Zukunft der Bewegung

Tierbefreiung zwischen Opposition und Affirmation

Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung ist gegenwärtig mit mindestens drei Herausforderungen konfrontiert:

Trotz umfangreichen, vielfältigen Aktivismus und vereinzelter Erfolge gerät sie im Kampf mit den politischen und ökonomischen Profiteuren der Tierausbeutung zusehends ins Hintertreffen. Die Fleisch- und andere Tierindustrien blühen, ihre willigen Vollstrecker in den Staatsapparaten sorgen für politische und ideologische Rückendeckung und die entsprechende Kultur feiert – wie etwa die Pelzmode – fröhliche Urständ. Dennoch führt die »Bewegung« keine strategischen und organisatorischen Diskussionen, sondern hält am Eingeübten und einst Bewährten fest. Unsere Proteste vereinzeln, die politische Wirkung versiegt, noch bevor sie sich entfalten könnte. Zu jedem Zirkus eine Demo, vor jedem Laden eine Kundgebung, zu jedem Thema eine Kampagne – seien sie auch noch so aussichtslos und die Beteiligungen gering.

Gleichzeitig greifen etablierte Institutionen, wie z.B. Staatsapparate, Parteien, Stiftungen, Zeitungen, Universitäten usw., die verschiedenen Forderungen einzelner Bewegungsakteure auf. Dies erscheint zunächst positiv. Mit dieser Entwicklung ist allerdings auch die Gefahr der politischen Neutralisation verbunden. Ob Fortschritt oder nicht – die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung reagiert darauf bislang überwiegend unkritisch affirmativ. Hauptsache »aktiv für die Tiere« lautet scheinbar die Devise. Dabei haben etwa die Heinrich-Böll-Stiftung oder die Linkspartei keineswegs per se die Absicht, etwas für die Tiere oder die Tierbefreiungsbewegung zu tun. Sie verfolgen ihre eigenen Interessen, für deren Durchsetzung politische Bewegungen und AktivistInnen bisweilen eher nützliche IdiotInnen statt BündnispartnerInnen sein sollen. Ganz zu schweigen von den social-media-affinen Ich-AGs und NGOs, für die Tiere und das Mitleid mit ihnen in erster Linie eine lukrative Geschäftsidee sind. Auch die vegane Sub- und Gegenkultur wird durch Unternehmer wie Attila Hildmann, mit jedem entpolitisierten Konsumfest und jeder Konzern-Kooperation Schritt für Schritt dem bürgerlichen Lifestyle preisgegeben.

Schließlich erodiert allmählich das ohnehin sehr brüchige inhaltliche und politisch-strategische Fundament der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung. Auf Großereignissen der Bewegung wie bei Bündnistreffen klammert man Widersprüche eher aus, als sie auszutragen. Politische Bildung geht nicht über den rudimentären alltagstauglichen Polit-Wortschatz hinaus. Organisationsdebatten münden in die Vermessung bewegungs- und gruppeninterner Wohlfühlzonen. So nimmt es nicht Wunder, dass schwer erkämpfte politische Positionen nach innen und außen unterminiert werden, mühselig erarbeitete linke gesellschaftskritische Theoriebestände versickern und von wissenschaftlich und gesellschaftlich genehmen, liberalen Human-Animal-Phrasen überlagert werden. In logischer Konsequenz wird u.a. die ALF aus der Bewegung heraus als »gewalttätig« dämonisiert, Tierschutz als Ziel des Kampfes für die Tiere akzeptabler, historischer Materialismus und Marxismus werden plump denunziert und das bürgerliche Recht sogar als Verhandlungsgrundlage zur »Befreiung« der Tiere akzeptiert.

Auf diese Herausforderungen müssen wir politisch und organisatorisch reagieren, wenn wir wollen, dass die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung nicht den Weg der Affirmation beschreitet, sondern den der Opposition durch revolutionäre Realpolitik. Nur letzterer bietet die Möglichkeit, wieder Erfolge zu erringen und gleichzeitig die Perspektive für die Befreiung von Mensch und Tier zu verbessern.

Mit der Osterakademie 2018 möchten wir, das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung, dazu beitragen, die skizzierten Probleme anzugehen und Argumente für die richtige Richtungsentscheidung zu sammeln. Mit Workshops, einführenden Vorträgen und Podiumsdiskussionen mit Gästen aus der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung wollen wir Lösungsvorschläge debattieren und organisatorische Perspektiven entwickeln.

Osterakademie des Bündnis Marxismus und Tierbefreiung // 30. März – 1. April 2018 // Hamburg

Hier geht’s direkt zum Programm


Veröffentlicht am 2. Dezember 2017 in den Kategorien: Allgemein Hinweis Veranstaltungen


Veranstaltungshinweis: Der große Marx-Schwindel

Hamburg, 22. September 2017, 19 Uhr, Magda-Thürey-Zentrum, Lindenallee 72 (Nähe U-Bahn Christuskirche). Eintritt: Spende.

Eine Veranstaltung der Melodie & Rhythmus – Magazin für Gegenkultur

Vor 150 Jahren erschien »Das Kapital« von Karl Marx. Er selbst fand, das Werk sei »das furchtbarste Missile, das den Bürgern noch an den Kopf geschleudert worden ist«. Doch im Jubiläumsjahr steht der Theoretiker Marx deutlich höher im Kurs als der Revolutionär: Der bürgerliche Mainstream feiert ihn als irgendwie »aktuell« zu Tode und warnt vor seiner »kommunistischen Vereinnahmung«. Linke und »Marx-Experten« drücken sich geradezu zwanghaft um die Aussage herum, dass Marx Kommunist war und das »Kapital« geschrieben hat, um der Arbeiterklasse eine Waffe für den Kampf gegen Ausbeutung und Klassenherrschaft an die Hand zu geben. So wird die Beschäftigung mit Marx zu einem großen Schwindel.

Michael Sommer arbeitet zur Marxschen Kritik der politischen Ökonomie.

John Lütten ist Autor für die Tageszeitung junge Welt und die Melodie & Rhythmus.

Moderation: Susann Witt-Stahl (Chefredakteurin Melodie & Rhythmus)

Der Veranstaltungsflyer steht hier zum Download bereit:


Veröffentlicht am 6. September 2017 in den Kategorien: Allgemein Hinweis Veranstaltungen


Interview des Nachrichtenblogs »Die Freiheitsliebe« mit dem Bündnis Marxismus und Tierbefreiung

Das Portal für Kritischen Journalismus »Die Freiheitsliebe« hat ein Interview mit dem Bündnis »Marxismus und Tierbefreiung« geführt. Anlass für das Interview, das wir im Folgenden dokumentieren, bot die Veröffentlichung des Thesenpapiers »Marxismus und Tierbefreiung«. In dem Interview geht es u.a. um die Fragen, warum Marxisten und Tierbefreier sowohl theoretisch als auch politisch und organisatorisch einen »Bund fürs Leben« eingehen sollten und welche Rolle Tiere und ihre Ausbeutung in der kapitalistischen Wirtschaftsweise spielen.

[Hier geht's zum Interview auf der Hompepage der »Freiheitsliebe«]

Die Freiheitsliebe: Vor einigen Monaten habt ihr ein Papier mit 18 Thesen verfasst, die sich mit dem Zusammenhang von Marxismus und Tierbefreiung beschäftigen. Warum seht Ihr die Notwendigkeit, euch mit beiden Themen zu befassen?

Bündnis Marxismus und Tierbefreiung: Um diese Frage zu beantworten, müssen wir ein wenig ausholen. Für gewöhnlich ist es doch so: Der Impuls, sich dem Marxismus zuzuwenden, wird meist durch die Erfahrung ausgelöst, dass es in unserer Gesellschaft – salopp gesagt – nicht gerecht zugeht. Auf der einen Seite leben die Schaefflers, Bezos’, Buffets usw. in ihren Palästen in Saus und Braus. Auf der anderen Seite stehen die Ausbeutung von LohnarbeiterInnen und die Überausbeutung von Teilen der marginalisierten Bevölkerungsgruppen. Armut nimmt zudem im real existierenden Kapitalismus vielerorts absurde Ausmaße an: Laut UN werden in diesem Jahr voraussichtlich 20 Millionen Menschen (sic!) in Gebieten wie Südsudan, Somalia, Jemen und Nigeria verhungern, während dutzende Millionen immer noch ihr Dasein als Sklaven oder in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen fristen. Der ehemalige UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, hat zu Recht gesagt: »Wer jetzt am Hunger stirbt, wird ermordet.« Um diese buchstäblich irrationale Organisation der Gesellschaft zu verstehen, von der sehr Wenige sehr viel profitieren, bietet der Marxismus immer noch die beste Erklärung: Man kann den Wahnsinn mit Hilfe der marxschen Theorie begreifen und zugleich weiß man, was zu tun ist, um ihn zu beenden.

Mit dem Thema Tierbefreiung verhält es sich im Grunde sehr ähnlich. Die realen Beziehungen, in die Tiere in der kapitalistischen Klassengesellschaft gezwängt werden, können niemanden kalt lassen, dessen Herz nicht schon verhärtet ist. Jedes Jahr vermeldet das Bundesamt für Statistik neue Höchstwerte für die Fleischproduktion. 2016 wurden allein in der BRD knapp 60 Millionen Schweine und 3,6 Millionen Rinder geschlachtet. Lebewesen, die nachweislich intelligent sind, bewusst Erfahrungen machen, die hochgradig sozial handeln, die Schmerzen empfinden, die unter Ausbeutung und Herrschaft leiden können usw., werden zu hunderten Millionen jedes Jahr ohne Not und für den Profit einiger weniger getötet. Und damit haben wir noch gar nicht das Elend der Milchkühe, Legehennen, der Versuchs-, Zoo- und Zirkustiere angesprochen.

Nun ist es so, dass es zwar viele Vorschläge gibt, die Ausbeutung der Tiere auf den Begriff zu bringen. Sie wird von diversen AutorInnen aus einer um die Interessen der Tiere verkürzten Moral, aus dem speziesistischen Rechtsstatus der Tiere oder, was der Sache am nächsten kommt, aus der Herrschaft des Menschen über die Tiere abgeleitet. Diese verschiedenen Ansätze weisen aber allesamt einige Defizite auf. Zum Beispiel erklären die meisten Tierrechtler- und TierbefreierInnen die Ausbeutung der Tiere aus dem ideologisch-kulturellen Überbau der kapitalistischen Gesellschaft, obwohl Marx und Engels solche idealistischen Erklärungen widerlegt haben. Tiere und ihre Körper sind für das Kapital nur Waren und Produktionsmittel, und genau so werden sie auch behandelt. Was die einzelnen Wurstfabrikanten und Fleisch-Kapitalisten oder ihre Beschäftigten moralisch über Tiere denken, ist darum nicht das Entscheidende. Auch beuten nicht »die Menschen« »die Tiere« aus. Eine Fraktion der Kapitalistenklasse lässt die Tiere zu ihrem individuellen ökonomischen Vorteil ausbeuten.

Der historische Materialismus und die Kritik der politischen Ökonomie, wie Marx und Engels sie erarbeitet haben, ermöglichen uns eine präzisere Analyse der Tierausbeutung in unserer heutigen Gesellschaft und zeigen zudem, dass die Tierindustrie vor dem Hintergrund der Produktivkraftentwicklung vollkommen irrational- und massiv an der Zerstörung der Lebensgrundlagen auf der Erde beteiligt ist. Die Notwendigkeit, sich mit Marxismus und Tierbefreiung auseinanderzusetzen, rührt also erstens daher, dass die Aufrechterhaltung des Status quo schlicht keine Option ist. Zweitens bietet der Marxismus das beste Handwerkszeug, um die Ursachen der Ausbeutung von der Mehrheit der Menschen und von Tieren in der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen. Drittens hilft marxistische Gesellschaftstheorie dabei, eine geeignete Strategie zu entwickeln, die sich nicht nur auf eine bereinigte Sprache und einen tierfreundlichen Lebensstil beschränkt, und mit der sowohl die Menschen als auch die Tiere befreit werden können. Unser Thesenpapier ist ein Angebot an alle, die bereit sind, über dieses Ziel ernsthaft nachzudenken und zu diskutieren.

Die Freiheitsliebe: Ihr fordert, Marxisten und Tierbefreier sollten einen »Bund fürs Leben« schließen. Wie kann ein solches Bündnis aussehen?

Bündnis Marxismus und Tierbefreiung: Ja – wir schreiben, dass sie keine »Zwangsehe«, sondern eben einen »Bund fürs Leben« schließen sollten. Es geht also nicht darum, dass sie bloß punktuell kooperieren und ansonsten nichts miteinander zu tun haben, sondern es soll ein gemeinsames Projekt mit einer gemeinsamen inhaltlichen und politischen Agenda sein. So ein Bündnis sollte, grob umrissen, mindestens zwei Ebenen umfassen – eine theoretische und eine politisch-organisatorische.

Auf der Ebene der Theorie meinen wir, wie bereits angedeutet, dass Marxismus und Tierbefreiung ganz klar zusammengehören. Der historische Materialismus liefert eine konkrete und brauchbare Erklärung dafür, wie und warum sich Mensch und Tier im Laufe der Zivilisationsgeschichte unterschiedlich entwickelt haben – nämlich, weil der Mensch sich mittels gesellschaftlicher Arbeit aus der Natur herausarbeitet und den Unterschied zum Tier somit selber produziert. Daraus folgt eben wie gesagt auch, dass wir heute die kapitalistische Organisation gesellschaftlicher Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft betrachten müssen. Und hier meinen wir, dass die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie das geeignetste Mittel ist, um die kapitalistische Produktion von Fleisch, Milch, Eiern etc. zu analysieren. Die genannten in der derzeitigen Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung populären Erklärungsmuster für Geschichte und heutige Beschaffenheit des Mensch-Tier-Verhältnisses können so eine Erklärung nicht leisten. Deswegen formulieren wir im Thesenpapier jeweils eigene Kritiken dieser Ansätze und argumentieren für den genannten »Bund fürs Leben«. Für die Marxisten wiederum bedeutet all das dreierlei: Erstens, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Tierausbeutung historisch nicht nur nicht mehr notwendig ist, sondern auch umfassende Destruktivkräfte entwickelt. Zweitens, dass Mensch und Tier eine gemeinsame Geschichte haben, die Fähigkeit teilen, zu leiden – und es für Marxisten als historische Materialisten also keinen vernünftigen Grund gibt, das Leid der Tiere nicht ebenso abschaffen zu wollen wie das des Proletariats. Drittens müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass die Tiere ebenso wie die Natur und die Arbeitskraft vom Kapital vernutzt bzw. ausgebeutet werden, um Mehrwert zu produzieren, auch wenn sich die Ausbeutung qualitativ unterscheidet und die Natur im Allgemeinen und die Tiere im Besonderen »lediglich« das Material zur Mehrwertproduktion sind. Daher haben die Natur und die Tiere objektiv den selben Gegner wie die Arbeiterklasse: die Bourgeoisie.

An diese theoretische Ebene würde die politische und organisatorische anschließen: Marxisten und Tierbefreier sollten die inhaltlichen Einsichten als Grundlage für ein gemeinsames politisches Projekt nehmen und eine Diskussion über gemeinsame Strategie und Taktik sowie ein gemeinsames Agieren führen. Denkbar wären etwa Kampagnen gegen die Fleischindustrie, verbunden mit der Forderung, sie in ökologisch nachhaltig und vegan produzierende, kollektiv von den ArbeiterInnen verwaltete Betriebe zu überführen. Und mit diesem gemeinsamen Projekt ginge dann die organisatorische Ebene einher: Es muss eine Organisationsform gefunden werden, in dem sich das gemeinsame Projekt abbildet und manifestiert.

Es geht also letztlich darum, ein gemeinsames öko-marxistisches und kommunistisches Projekt auf die Beine zu stellen. Dass wir von einem solchen Bündnis natürlich noch meilenweit entfernt sind, braucht man uns nicht sagen. Wir sehen es jedoch als notwendig an, und sehen auf kurz oder lang keine Alternative dazu.

Die Freiheitsliebe: Ihr beschreibt die enormen materiellen Interessen, die die Nahrungsmittelindustrie hat. Die wenigsten Marxisten würden sich gegen deren Enteignung stellen, aber was geschieht danach?

Bündnis Marxismus und Tierbefreiung: Die Strategie lässt sich gar nicht rigide in ein zeitliches »Vorher« und »Nachher« einteilen, zumindest nicht, wenn wir Rosa Luxemburgs Idee einer »revolutionären Realpolitik« ernst nehmen. Wir müssen bereits heute diskutieren, was wir wirklich brauchen und was wir wie produzieren wollen. Niemand in der Linken würde beispielsweise ernsthaft fordern, dass in enteigneten Betrieben Frauen und Migranten nur die Drecksarbeit machen sollen, dass wir einfach weiter dicke Autos und anderen Müll herstellen, dass wir Energie aus Kohle- und Atomkraftwerken beziehen, Monokulturen anlegen und acht Stunden am Tag schuften gehen. Die Verstaatlichung, Enteignung oder Vergesellschaftung an sich macht noch keine Produktionsweise, in der alle nach ihren Bedürfnissen und jeder nach seinen Fähigkeiten lebt und arbeitet.

Für uns ist klar: Eine Gesellschaft, in der Tiere getötet werden, damit wir ihre Körperteile essen können, ist keine befreite. Ganz zu schweigen davon, dass die Fleischproduktion, wie bereits gesagt, vom Stand der Produktivkräfte aus betrachtet schlicht unnötig ist. Es können schon heute genug vegane Nahrungsmittel für alle hergestellt werden. Die Nahrungsmittelindustrie müsste also nicht »nur« von den Produzenten kontrolliert, sie müsste auch einer Konversion unterzogen werden und zwar vom Anbau bis zu Verteilung. Die Idee der Friedensbewegung, die Rüstungsbetriebe einer Konversion zu unterziehen, lässt sich wunderbar auf die Fleischindustrie übertragen. Dies ist wiederum bei der Fortexistenz des Privatbesitzes an Produktionsmitteln nicht realisierbar. Wir können nichts umbauen, was uns nicht gehört. Da die Nahrungsmittelindustrie zu den sogenannten Schlüsselindustrien zählt – alle Menschen müssen nun einmal essen und trinken – ist es naheliegend, dass man mit ihrer Vergesellschaftung beginnt. Dann könnten wir auch das Essen von Medikamenten, Gentechnik usw. befreien, die wir jetzt täglich aufnehmen.

Die Freiheitsliebe: In Eurer neunten These heißt es, dass das Mensch-Tier-Verhältnis »das Ergebnis eines Zivilisationsprozesses, in welchem sich der Mensch durch die gesellschaftliche Arbeit aus der Natur herausarbeitet und damit den Unterschied zu nichtmenschlichen Tieren selber produziert« habe. Aber historisch gesehen haben Menschen schon immer Tiere gegessen. Wollt Ihr dies verhindern oder wollt ihr vor allem das Verhältnis verändern?

Bündnis Marxismus und Tierbefreiung: Naja – für oder gegen was ist die Feststellung, dass Menschen etwas »schon immer« getan haben, denn ein Argument? Menschen haben ja auch schon vor dem Kapitalismus Kriege geführt und es gibt auch bis heute immer noch ein Patriarchat, und trotzdem wollen wir als Marxisten das ändern, oder nicht? Wir wollen beides: Das Verhältnis von Menschen und Tieren verändern, und – als Bestandteil dessen –den Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten beenden – auch um der Tiere Willen. Allerdings wollen wir das nicht nur aus moralischen Gründen, sondern wir halten die gegenwärtige real existierende Fleischproduktion insgesamt für objektiv irrational: Sie ruiniert ja nicht nur die Proletarier, die in ihr arbeiten (z.B. durch prekäre Billigjobs, Überausbeutung und rigoroses Vorgehen gegen gewerkschaftliche Organisierung), sondern auch die Natur, etwa durch Abfälle und CO2-Ausstoß. Sie ist also ein Hindernis für die weitere Entwicklung der Menschen. Darum sehen wir unsere marxistischen Genossinnen und Genossen in der Pflicht, eine politische Position zur Fleisch- bzw. Tierindustrie einzunehmen. Und wir meinen eben: Sie ist ein Hindernis für eine tatsächliche (sozialistische) Zivilisationsgeschichte und muss in ihrer jetzigen Form abgeschafft werden.

Die Freiheitsliebe: In eurem Text beschreibt Ihr, dass sowohl Tiere als auch Arbeiter ausgebeutet werden, welche Parallelen und welche Unterschiede seht ihr?

Bündnis Marxismus und Tierbefreiung: In unseren Thesen elf und fünfzehn versuchen wir die Differenzen in der Ausbeutung des Proletariats und der Tiere zumindest grob zu benennen. Während die Arbeiter politisch formal »frei« sind – als doppelt freie Lohnarbeiter – sind die Tiere nicht politisch als Individuen anerkannt. Die Lohnabhängigen verkaufen ihre Arbeitskraft an Kapitalisten und bekommen dafür einen Teil des von ihnen produzierten gesellschaftlichen Produkts in Form von Lohn, mit dem sie ihr Überleben oft mehr schlecht als recht sichern können. Die Tiere sind qua kapitalistischer Eigentumsverhältnisse als Produktionsmittel wie die Natur insgesamt Privateigentum der Kapitalisten. Diese können nach Belieben über sie verfügen.

Diese nicht unbeträchtliche Differenz in der Stellung im Produktionsprozess führt dazu, dass sich die Kapitalisten das Mehrprodukt der Arbeiter aneignen können, während die Tiere vollumfänglich in den Produktionsprozess eingehen. In Upton Sinclairs Roman »Der Dschungel« über die größten Schlachthäuser Anfang des 20. Jahrhunderts in Chicago wird der Protagonist des Romans, ein litauischer Einwanderer, gleich zu Beginn seiner Arbeit in den gefürchteten Stockyards darüber in Kenntnis gesetzt, dass vom Schwein »absolut nichts unverwertet« bleibe – »bloß für das Quieken hat man noch keine Verwendung gefunden«.

Ihre unterschiedlichen Positionen im Produktions- und Ausbeutungsprozess führen auch dazu, dass die Tiere zwar Produkte ko-produzieren, ja sogar zum Teil der Waren werden. Dennoch leisten sie keine produktive Arbeit im Sinne der Wertproduktion. Sie liefern »lediglich« Gebrauchswerte der Waren und zwar gratis. Sie produzieren jedoch keine Werte wie die Lohnarbeiter. Dies ändert aber nichts daran, dass beide, wenn auch qualitativ unterschiedlich, von Kapitalisten ausgebeutet werden.

Die Rollenverteilung zwischen Tieren und Proletariat ist das vorläufige Zwischenergebnis der Klassenkämpfe. Dass die Rollen auch in zukünftigen Klassenkämpfen unterschiedlich gelagert sind, liegt auf der Hand. Tiere sind weder eine Klasse noch sind sie Subjekte des Klassenkampfs. Aber wir bestehen darauf, dass die Tiere ebenso wie die Natur Objekte des Klassenkampfs und der sozialistischen Revolution sind. Ohne ihre Befreiung ist Sozialismus bzw. Kommunismus nicht zu haben

Die Freiheitsliebe: Danke euch für das Gespräch.


Veröffentlicht am 30. Juli 2017 in den Kategorien: Allgemein


Neutralisierung durch Integration

Mit Rot-Rot-Grün kommt kein progressives Reformbündnis,
sondern es droht ein gefährlicher Pyrrhussieg

Kommt Rot-Rot-Grün, oder kommt Rot-Rot-Grün nicht? Galt das Projekt Anfang des Jahres noch als politisch so gut wie tot, wachsen seit Frühlingsbeginn dank »Schulz-Effekt« mit den ersten Blättern auch die Umfragewerte der Sozialdemokratie und sorgen für frischen Wind in den Segeln der »R2G«-Begeisterten. Aber viel schlauer ist man auch nach der Saarland-Wahl nicht. Hin- und hergeworfen zwischen Schreckensbildern – »Rot-Rot-Grün gefährdet die Sicherheit der Bevölkerung!« (Volker Kauder) – und Euphorie angesichts des kommenden »Bündnisses aller progressiven Kräfte« (Sigmar Gabriel) schlingert die veröffentlichte Meinung weiter in Richtung Bundestagswahl.

Noch lässt sich also nicht sagen, ob die Zeichen der Annäherung – die Grünen tun so, als würden sie für eine »Vermögenssteuer« eintreten, Die-Linke-Fraktionschef Bartsch will »endlich Deutschland nach vorne bringen«, und Martin Schulz »entschrödert« (Spiegel Online) angeblich die Sozialdemokratie – vergeblich gesendet werden. Aber so einfach werden die Realos in der Linken und ihre karrierebewussten Kolleginnen und Kollegen auf den linken Flügeln von SPD und Grünen ihre Hoffnungen nicht aufgeben. Die Option »R2G« ist schon deshalb keineswegs vom Tisch. Hinzu kommt: Bekäme die Linke größeren Zuspruch, wäre ihre Neutralisierung als ernstzunehmende antikapitalistische Opposition für die Profiteure des gegenwärtigen Krisenkapitalismus überlebenswichtig. Die Integration in eine Regierungskoalition wäre dafür ein probates Mittel.

Die große Integration

Außerhalb der Parlamentarierbüros bemüht sich eine Vielzahl von Denkfabriken, Initiativen und Bündnissen schon länger darum, Spielräume für das rot-rot-grüne »Crossover« auszuloten und es als »linke Regierung in Deutschland, die einen Unterschied macht« zu verkaufen. Das eigens zur Vernetzung der potentiellen Koalitionäre gegründete Institut Solidarische Moderne (ISM) entfaltet zu diesem Zweck seine Vision vom »mosaiklinken« Bündnis als »Projekt der gesellschaftlichen Linken und der solidarischen Milieus«. Die Rosa Luxemburg Stiftung (RLS), eine der wichtigsten Geldquellen linker Politik hierzulande, und die Tageszeitung Neues Deutschland, mittlerweile vollends zum Verlautbarungsorgan des rechten Parteiflügels umgemodelt, tun das Ihre: Nicht wenige Köpfe etwa der Interventionistischen Linken (IL) – eine der einflussreichsten APO-Organisation der deutschsprachigen Linken – stehen auf ihren Gehaltslisten, sind politisch wie ökonomisch von ihren Netzwerken abhängig und dienen objektiv der Integration des linksradikalen Milieus ins Regierungsprojekt der Linkspartei. Nicht anders steht es um den »antinationalen« Zwilling der IL, das UmsGanze-Bündnis um Gruppen wie TOP B3rlin.

Thüringen, Berlin und Brandenburg – ein Vorgeschmack

»Wer wissen will, wie Rot-Rot-Grün im Bund funktionieren würde, muss nur nach Berlin schauen«, so beschrieb der Rechtsaußen unter den Spiegel-Online-Kolumnisten, Jan Fleischhauer, jüngst, wo sich etwas über die vermeintlich »linke Zukunft« lernen lässt. Er liegt damit richtig und falsch zugleich. Selbstverständlich ist die erste rot-rot-grüne Koalition unter Führung der SPD in Berlin ein Modell für den Bund. Falsch ist jedoch Fleischhauers Bewertung des Hauptstadtbündnisses. Eine Gefahr für »die öffentliche Ordnung« zu sein, wie er meint – davon ist es weit entfernt. Die Regierungsprojekte unter Einschluss der Linkspartei erwiesen sich im Gegenteil als Garanten der öffentlichen Ordnung.

In Berlin stimmte die PDS/Die Linke in den Nuller-Jahren 35.000 Entlassungen im öffentlichen Dienst ebenso zu wie der Privatisierung städtischer Unternehmen, und in Thüringen bekennt sich Rot-Rot-Grün wie im roten Rathaus zur Schuldenbremse – dem Instrument neoliberaler Haushalts- und Finanzpolitik. Auf anderen Politikfeldern sieht es nicht besser aus. In Brandenburg beendete Rot-Rot die grün-sozialdemokratischen Träumereien von einem »sozial-ökologischen Umbau«, als 2014 die Fortsetzung und Ausweitung des regionalen Braunkohletagebaus beschlossen wurde. Abschiebungen setzt die Linke gemeinsam mit der SPD und den Grünen in wechselnden Konstellationen ebenso durch wie Bundeswehrbesuche an Schulen und in Jobcentern. In Berlin blieb der Stadtsoziologe und Kritiker neoliberaler Mietpolitik Andrej Holm keine sechs Wochen Staatssekretär für Wohnen, bevor »R2G« ihn auf Druck der Berliner Immobilienhaie und deren politischen Alliierten entsorgte. Die Causa Holm ist zudem ein Beleg für die konformistische Vergangenheitspolitik der Linkspartei. In Erfurt verteufelt sie die DDR als »Unrechtsstaat«, während Landespapst Bodo Ramelow (Die Linke) sogar die Bespitzelung seiner eigenen Parteigenossen durch den Verfassungsschutz toleriert.

»… diese Koalitionsmöglichkeit nicht unmöglich machen«

Die landespolitischen Vorreiter und die programmatischen Debatten in den Parteien lassen es erahnen: Kämen Rot, Rot und Grün gemeinsam in »Regierungsverantwortung«, würden die Schwergewichte auf der Agenda einer wirklich besseren Zukunft – soziale Frage, Ökologie und Antimilitarismus – unter dem Deckmantel reformerischer Kosmetik dem parteipolitischen Karrierismus und Pragmatismus geopfert.

Die Linke hat inzwischen gute Seiten am Hartz-IV-Regime entdeckt, die Grünen reden von einer Vermögenssteuer »für Superreiche« (die jedoch kaum Steuern auf kaum ein Vermögen bedeuten würden und für die SPD ohnehin schon wieder vom Tisch ist), statt gesetzlicher Erhöhung des Mindestlohns geht es um die Abschaffung von Ausnahmen, und die private Altersvorsorge soll vorerst nur neben die gesetzliche treten. Das alles riecht deutlich mehr nach Make-up für fortgesetzten Sozialabbau als nach »progressivem Reformbündnis«. Und das gilt nicht nur für die Sozialpolitik. »Energierevolution statt grüner Kapitalismus«, tönte Die Linke im Thüringer Wahlkampf. Sie wolle die Energieproduktion verstaatlichen, um diese der »Kapitalmarktlogik« zu entziehen. Wie Die Linke diese am Gemeinwohl orientierte Energieproduktion durchsetzt, ohne dabei in den offenen Konflikt mit der kapitalistischen Wachstumslogik und den Energiekonzernen zu treten, zeigt der Erfurter Koalitionsvertrag – darin findet sich kein Wort zur angekündigten ökosozialistischen Offensive. Ähnlich »aussichtsreich« liegen die Dinge bei der Frage nach Krieg oder Frieden: »Ohne Vorbehalte« müsse Die Linke »akzeptieren, dass jede Bundesregierung der internationalen Verantwortung Deutschlands etwa im Rahmen der NATO jederzeit gerecht werden muss«, gab SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann der Linken mit auf den Weg. Bodo Ramelow, Gewehr bei Fuß, rät seiner Partei dann auch, »an der NATO-Frage diese Koalitionsmöglichkeit nicht unmöglich zu machen«. Schließlich heiße das ja nicht, »dass wir begeisterte NATO-Anhänger werden müssen«.

»R2G« – sonst AfD!

Für diejenigen, denen angesichts solch ernüchternder Aussichten Zweifel am Wert des »linken Reformprojekts« aufkommen, haben die »R2G«-Ideologen aber noch einen treffsicheren Pfeil im Köcher: Sollte Rot-Rot-Grün scheitern, gewännen nur die AfD und der »Trumpismus«. Wer also jetzt nicht mitmacht, der muss sich für das Schlimmste verantworten – eine schwarz-gelbe Regierung mit starker AfD im Bundestag. »Die effektivste Regierung gegen den Rechtsruck: Eine linke Regierung!«, denn »ohne das Angebot einer linken Alternative werden viele der auch sozial verängstigten AfD-Wähler weiter den Rechtspopulisten auf den Leim gehen«. »Gemeinsam Aufstehen gegen Rassismus« – so lautet die Mär vom kleineren Übel.

Gesellschaft ohne Opposition

Das Problem dabei: Ein »linkes« rot-rot-grünes Lager gibt es in der bundesdeutschen Politiklandschaft gar nicht. SPD und Grüne stehen nicht in Opposition zum Status Quo der Kriegs- und Antisozialpolitik – sie haben diesen Konsens nach 1998 neu Erfunden. Bietet sich ihnen Die Linke als Regierungspartner an, ist sie auf bestem Wege, für das damals ins Werk gesetzte neoliberale Projekt zur Restaurierung der Klassenherrschaft als »linkes« Feigenblatt zu dienen. Dass dafür der linke Parteiflügel noch kaltgestellt werden müsste, liegt auf der Hand. Wie das geht, führen die Parteirealos eindrucksvoll vor, wenn sie Sahra Wagenknechts angeblich AfD-konforme Forderungen zur Flüchtlingspolitik scheinbar von links kritisieren, zur Abschiebepraxis der Parteirechten in Thüringen aber beredt schweigen. So betreiben sie die Geschäfte der Bourgeoisie, die schon immer auf Neutralisierung der Opposition durch Integration gesetzt hat, wenn ihr terroristische Methoden der Unterdrückung nicht opportun oder geboten scheinen.

Vielleicht würden unter »R2G« die deutschen imperialistischen Interessen vorerst subtiler verfolgt, könnten Hartz-IV-Bezieher mit etwas milderen Sanktionen rechnen, könnte die gesetzliche Rente etwas langsamer an die Finanzindustrie verhökert werden, hätte der »Green New Deal« ein paar mehr regierende Fürsprecher – solange nichts von alledem dem »Wirtschaftsstandort Deutschland« schadet. Auch das »Aufstehen gegen Rassismus« fände in Regierungskreisen allgemeinen Anklang, solange nur den gesellschaftlichen Ursachen der Rechtsentwicklung nicht auf den Grund gegangen wird. Mit dem beschworenen »linken Politikwechsel« hat all das wenig zu tun – umso mehr aber mit der Paralyse echter Opposition.

Die beschworene Verhinderung eines weiteren Aufstieges der AfD mittels Regierungsbeteiligung könnte sich vor dem Hintergrund kläglicher Sozialkosmetik und fortgesetzter NATO-Politik als kurzfristiger und folgenreicher Pyrrhussieg erweisen. Das freiwillige Einstimmen der Linkspartei in den elitär-neoliberalen und imperialistischen Parteienkanon – sei es nun aus Karrierismus oder aus hoffnungsloser Selbstüberschätzung –, der für »die da unten« einen Schlag ins Gesicht nach dem anderen bereithält, hinterließe auf der Oppositionsbank ein Vakuum. Darauf, diese Leerstelle auszufüllen und sich nicht nur als parlamentarische, sondern als einzige gesellschaftliche Opposition an der Seite der Abgehängten, Protestwähler und NATO-Kritiker zu inszenieren, wartet die AfD nur. Alexander Gauland und seine Parteigenossen könnten dann konkurrenzlos um diejenigen buhlen, »auf deren Rücken das System fortschreitet – das heißt gerade die Klassen, deren Existenz einmal die Opposition gegen das System als Ganzes verkörperte« (Marcuse) und die nun enttäuscht feststellen, dass links kaum noch jemand steht, der gegen die Missstände der neoliberal radikalisierten kapitalistischen Gesellschaft kämpft.

Zu einer derartigen Gesellschaft ohne Opposition leistet die außerparlamentarische Linke einen gewichtigen Beitrag, wenn sie Die Linke in ihrem Regierungsvorhaben unterstützt und sich mit ihr in die »heilige Phalanx der Ordnung« (Marx) begibt. Die Mittel, die Rosa Luxemburg der Sozialdemokratie ihrer Zeit schon vor hundert Jahren empfahl – »rückhaltlose Kritik der Regierungspolitik« und Organisation der gesellschaftlichen Opposition innerhalb wie außerhalb der Parlamente –, sind bis heute die richtigen Mittel gegen neoliberalen Klassenkampf und AfD.

5. April 2017,
Assoziation Dämmerung


Veröffentlicht am 5. April 2017 in den Kategorien: Allgemein Flugblatt Texte


Marxismus und Tierbefreiung – Thesen

Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung hat ein Thesenpapier verfasst, das begründet, warum marxistische Analyse und Politik sowie das Anliegen der Tierbefreiungsbewegung zusammengehören und warum sich beide Lager, die bislang nur wenige Berührungspunkte haben und einander z.T. mit einiger Skepsis begegnen, für ein revolutionäres Projekt zusammentun müssen. Der Text beruht auf zahlreichen Diskussionen mit Genossinnen und Genossen sowohl der Tierbefreiungsbewegung wie auch der sozialistisch-kommunistischen Linken. Er ist auch in gedruckter Form als Broschüre erhältlich und kann über das Bündnis bezogen werden. Für Kritik, Anfragen oder den Bezug der Broschüre kann das Bündnis gerne via Facebook als auch per Mail (mutb [at] riseup.net) kontaktiert werden.

[DOWNLOAD: PDF-VERSION DER BROSCHÜRE]


MARXISMUS UND TIERBEFREIUNG

Der Marxismus und die Befreiung der Tiere – auf den ersten Blick zwei Dinge, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Schließlich hat weder ersterer durch seine Tierliebe von sich reden gemacht, noch sind die Tierfreunde dafür bekannt, sich die Befreiung der Arbeiterklasse und den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben zu haben.

Ganz im Gegenteil: Mit dem klassischen Marxismus können die mehrheitlich autonom-anarchistisch geprägten Tierbefreiungsaktivisten nicht viel anfangen; er gilt als theoretisch unterkomplex und autoritäre Ideologie, die sich mit dem Ende des Realsozialismus erledigt hat.

Zwar kommen Kapitalismuskritik und das Vokabular der Arbeiterbewegung („Genosse“, „Klasse“) in der linksradikalen Szene wieder vermehrt in Mode, aber so richtig kann man mit den traditionellen Marxisten trotzdem nichts anfangen. Sie sind als notorische Tierhasser verschrien, die nur von Ökonomie reden und oft kaum von kleinbürgerlichen Bratwurst-Spießern zu unterscheiden sind.

Bei den Marxisten wiederum stehen die Tierbefreiungsaktivisten nicht hoch im Kurs: Sie werden oft als spleenige Kostverächter und bürgerliche Moralisten gesehen, die an unwichtigen Nebensächlichkeiten herumdoktern, anstatt sich den zentralen Fragen zu widmen. Bei klassenkämpferischen Aktionen und Bündnissen sollen sie sich zwar beteiligen, aber mit ihrem „Tierfimmel“ kann und will man nichts anfangen. Das Ziel einer Gesellschaft, in der Mensch und Tier von Ausbeutung und Unterdrückung befreit sind, treibt vielen Genossen den Angstschweiß auf die Stirn, weil das den Verlust von Wurst und Käse bedeuten würde. Und außerdem hat sich ja schon Friedrich Engels über die „Herrn Vegetarianer“ lustig gemacht, die die Bedeutung des Fleischverzehrs für die menschliche Zivilisationsgeschichte verkannten und es bestenfalls zu utopischen Sozialisten bringen konnten.

Wir denken entgegen dieser Frontstellung, dass die von Karl Marx und Friedrich Engels begründete historisch-materialistische Gesellschaftsanalyse und -kritik, die darauf gründende Politik und die Forderung, die Tiere von gesellschaftlich produziertem Leid zu befreien, notwendig zusammengehören. Denn einerseits ist die Forderung nach einer Befreiung der Tiere tatsächlich moralistisch, wenn sie sich nicht die Frage stellt, unter welchen historisch spezifischen Bedingungen die Ausbeutung der Tiere eigentlich stattfindet und was entsprechend gesellschaftlich verändert werden muss, um sie zu beenden. Und andererseits ist jede marxistische Gesellschaftskritik unvollständig, die nicht zur Kenntnis nimmt, dass in der Geschichte der Klassenkämpfe die herrschenden Klassen nicht nur die ausgebeuteten Klassen, sondern stets auch die Tiere (und die Natur) zu ihrem Vorteil exploitiert und unterdrückt haben.

Zwar haben sich die Ausbeutung der Lohnabhängigen einerseits und der Tiere andererseits historisch qualitativ unterschiedlich entwickelt, und ihre Stellung zu den Produktionsmitteln unterscheidet sich auch heute. Bei allen Unterschieden haben die Arbeiterklasse und die Tiere aber eine gemeinsame Geschichte, in der sie der herrschenden Klasse als Leidende, Erniedrigte, Geknechtete und Verlassene gemeinsam antagonistisch gegenüberstehen. Die einen als Subjekte-, die anderen als Objekte der Befreiung. Wir meinen also: Der Tierbefreiungsgedanke bleibt inkonsequent, wenn er sich der historisch-materialistischen Kritik der Gesellschaft versperrt. Genauso bleibt jedoch der Marxismus inkonsequent, wenn er sich weigert anzuerkennen, dass die Befreiung der Tiere heute zu marxistischer Theorie und Politik dazugehören muss. Erstens macht der gegenwärtige Stand der Produktivkraftentwicklung sie nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Wer eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, Herrschaft und objektiv sozial produziertes und vermeidbares Leiden schaffen will, ist zweitens gezwungen, auch das Leid der Tiere anzuerkennen und dessen Abschaffung anzustreben. In der Geschichte der Linken und der Arbeiterbewegung hat es vereinzelt schon Ansätze gegeben, Marxismus und Tierbefreiung zu vereinen. Sie haben sich aber bislang nicht durchgesetzt. Die folgenden Thesen sollen begründen, warum Marxisten und Tierbefreier keine Zwangsehe, sondern einen Bund fürs Leben schließen sollten.

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Veröffentlicht am 1. Januar 2017 in den Kategorien: Allgemein Texte Tierbefreiung


Nieder mit der EuroTier! – Redebeitrag auf der Demonstration „Tierproduktion stoppen! Klima retten!“ am 12. November in Hannover

Rund 400 AktivistInnen vor allem aus der Klima- und Tierbefreiungsbewegung haben am 12. November 2016 unter dem Motto „Tierproduktion stoppen! Klima retten!“ gegen die EuroTier-Messe in Hannover demonstriert. Aufgerufen hatte das Netzwerk „Animal Climate Action“, das die Aktiven der verschiedenen Bewegungen zusammenbringen und vernetzen will. Auch das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung hat sich an der Demonstration beteiligt und einen Redebeitrag gehalten, den wir hier dokumentieren.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen!

Die von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft organisierte „EuroTier“ ist die weltweit größte Messe für Tierhaltung und Tierzucht. Die „Leitmesse für Tierhaltungsprofis“, wie sie sich nennt, gibt sich den Anschein, es ginge ihr um tierfreundliche Ambitionen, man wolle „den Blick für das Tier nicht vernachlässigen“. Tatsächlich ist die „EuroTier“ eine Plattform global agierender Unternehmen – den Schwergewichten des Fleisch-Kapitals, das mit „Tierfreundlichkeit“ schlicht unvereinbar ist. Seine Akkumulationsstrategien sind vielmehr unweigerlich mit der systematischen Quälerei und Tötung von Tieren verbunden.

Fleisch-MagnatInnen wie Tönnies und Vion sind mit ihren hauseigenen Zucht-, Vermarktungs- und Handelsorganisationen genauso vertreten wie der deutsche Geflügelfleisch-Monopolist, die PHW-Gruppe mit seiner Marke „Wiesenhof“. Unternehmen der Tierzucht, Futterhersteller, Hersteller von Hallen und Mastanlagen und Unternehmen der Melktechnik präsentieren ihre neusten „Innovationen“, um das Leid und den millionenfachen Tod der Tiere noch effizienter und profitabler zu gestalten. Es kommt nicht von ungefähr, dass rund die Hälfte der Aussteller aus der Bundesrepublik stammt: Deutschland ist „der Schlachthof Europas“.

Gleichzeitig mit der „EuroTier“ findet die ebenfalls von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft konzipierte „EnergyDecentral“ statt. Offiziell ist das „eine internationale Fachmesse für innovative Energieversorgung“ – tatsächlich ist diese zweite Messe aber nicht mehr als ein grünes Feigenblatt, um die von der Tier-Industrie verursachten katastrophalen Folgen für Mensch, Tier und Natur zu verschleiern.

Grün-etikettierte Strategien dieser Art haben Hochkonjunktur: Fleisch-Konzerne führen vegane Produkte ein, um neue Märkte zu erschließen und gleichzeitig eine Abkehr von ihrer anti-ökologischen Unternehmenspraxis zu propagieren. Das ist eine Doppel-Strategie, die dem Kapital auch sonst nicht fremd ist: die Industrienationen überschwemmen mit subventionierten Fleisch-Exporten die Länder der Peripherie. Gleichzeitig möchte dasselbe Personal keinen systematischen Zusammenhang von Fleischproduktion, Klimawandel und globaler Armut erkennen. Stattdessen beschäftigen sie die Welt mit nutzlosen Gipfel-Treffen und Verhandlungen, die vorgeblich den Klimawandel eindämmen sollen.

Das im letzten Jahr geschlossene Pariser-Abkommen ist dafür beispielhaft: zwar einigten sich 195 Staaten erstmals in der Geschichte auf eine Obergrenze der globalen Erderwärmung – die wahren Ursachen der Klimazerstörung fassen die Unterzeichner des Abkommens aber nicht an. Kein Wort zu der grenzlosen Jagd westlicher Konzerne nach höheren Profiten, kein Wort zum systematischen Zusammenhang zwischen kapitalistischem Wachstum und Naturzerstörung ist dem Abkommen zu entnehmen. Die Feststellung, dass „der Abbau der Wiederkäuerbestände“ für den Klimaschutz entscheidend ist, wurde im Klimaschutzplan der Bundesregierung auf Betreiben des Landwirtschaftsministers gestrichen!

Die Folgen dieser verheerenden Praxis haben diejenigen zu tragen, denen es an einer schlagkräftigen Lobby fehlt: die ArbeiterInnen, Marginalisierten und Tiere. Ginge es nach den UnterzeichnerInnen, soll die kapitalistische Produktionsweise wie gewohnt weitergehen – der Klimawandel möge „uns“ aber bitte verschonen.

Doch wie ist den Fleisch-Kapitalisten, ihren grünen Stichwortgebern und politischen Handlangern das Handwerk zu legen? Eins sollte uns klar sein: die Profiteure des Tiermords handeln nicht bloß aus vermeintlicher Überlegenheit oder moralischen Vorurteilen gegenüber den Tieren. Das industrielle Töten von Tieren und die Zerstörung des Klimas und der Natur insgesamt sind in der ökonomischen Struktur des Kapitalismus angelegt – sie sind grausame Realität, weil sie für eine kleine Gruppe von KapitalbesitzerInnen profitabel sind. Für sie sind die Körper der Tiere nur Rohstoffe, während die Arbeitskraft der Schlachthof-ArbeiterInnen dazu dient, ihre Profite zu sichern. Sklavenähnliche Bedingungen, Hungerlöhne, unbezahlte Überstunden, körperliche und psychische Erkrankungen sind dafür die „Belohnung“. Kaum eine Industrie ist dermaßen von systematischer Spaltung der Belegschaften durch Werkverträge und Leiharbeit betroffen, in kaum einer Industrie wird die gewerkschaftliche Organisierung der ArbeiterInnen dermaßen unterdrückt. Diejenigen, die dazu verdammt sind, täglich ihre Arbeitskraft an die Fleisch-KapitalistInnen zu verkaufen, haben eines mit den Tieren gemein: ihre objektive Feindschaft gegenüber dem Kapital.

Darum ist die Frage, „wie wir leben wollen“ keine Frage der Ethik, sondern eine Systemfrage. Wenn wir wollen, dass alle Produktion demokratisiert und auf die Bedürfnisse von Menschen und Natur ausgerichtet wird anstatt auf die Profite weniger Kapitalbesitzer, dann müssen wir die Eigentumsfrage stellen. Wir müssen – wie Marx und Engels es im kommunistischen Manifest forderten –, despotisch in die Eigentumsverhältnisse eingreifen. Wir können nur demokratisch über die Produktion bestimmen, wenn die Produktionsmittel in unserer Hand sind. Erst ein revolutionärer Bruch mit dem kapitalistischen System schafft die Bedingungen für eine Produktions- und Lebensweise, in der Mensch und Tier nicht länger ein erniedrigtes und geknechtetes Leben fristen müssen, in der Kriege und Naturzerstörung der Vergangenheit angehören.

Das alles ist uns als Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, als Klima- und Umweltbewegung doch längst bewusst: Der tägliche Widerstand – die direkten Tierbefreiungen oder die Kampagnenarbeit – führen unweigerlich zur Konfrontation mit dem Tier-Kapital. Von hier aus müssen wir die Entwicklung unserer politischen Strategie vorantreiben. Einzig das Bündnis mit antikapitalistischen Kräften der ArbeiterInnenbewegung kann dem Klassenkampf von oben mit seiner zerstörerischen Politik wirklich etwas entgegensetzen.

Wir sind heute hier, um den Profiteuren des Mordsgeschäfts, ihren ideologischen Vorfeldorganisationen und politischen Handlangern den Kampf anzusagen. Meinen wir das aber ernst, können wir uns Angst vor der eigenen Courage nicht leisten. Wir müssen eine schlagkräftige, antikapitalistische Bewegung aufbauen, denn nur sie ist fähig zu einer radikalen ökologischen Wende! In diesem Sinne: An die Arbeit:

Nieder mit der EuroTier!
Auch die Natur wartet auf die Revolution!


Veröffentlicht am 25. November 2016 in den Kategorien: Allgemein Demonstration Texte Tierbefreiung


Die Waffen nieder!!! – Kooperation statt NATO-Konfrontation, Abrüstung statt Sozialabbau

Für Samstag, den 8. Oktober 2016 rufen der Bundesausschuss Friedensratschlag, die Kooperation für den Frieden und die Berliner Friedenskoordination zu einer bundesweiten Demonstration in Berlin auf (Beginn: 12 Uhr Alexanderplatz, Ecke Otto-Braun-Straße). Wir haben den Aufruf unterzeichnet, rufen ebenfalls zur Teilnahme auf und dokumentieren an dieser Stelle den Aufrufstext. Weitere Informationen: www.friedensdemo.org

Oktober 2016,
Assoziation Dämmerung

Die aktuellen Kriege und die militärische Konfrontation gegen Russland treiben uns auf die Straße. Deutschland befindet sich im Krieg fast überall auf der Welt. Die Bundesregierung betreibt eine Politik der drastischen Aufrüstung. Deutsche Konzerne exportieren Waffen in alle Welt. Das Geschäft mit dem Tod blüht.

Dieser Politik leisten wir Widerstand. Die Menschen in unserem Land wollen keine Kriege und Aufrüstung – sie wollen Frieden.

Die Politik muss dem Rechnung tragen. Wir akzeptieren nicht, dass Krieg immer alltäglicher wird und Deutschland einen wachsenden Beitrag dazu leistet: in Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Jemen, Mali. Der Krieg in der Ukraine ist nicht gestoppt. Immer geht es letztlich um Macht, Märkte und Rohstoffe. Stets sind die USA, NATO-Mitgliedstaaten und deren Verbündete beteiligt, fast immer auch direkt oder indirekt die Bundesrepublik.

Krieg ist Terror. Er bringt millionenfachen Tod, Verwüstung und Chaos. Millionen von Menschen müssen fliehen. Geflüchtete brauchen unsere Unterstützung und Schutz vor rassistischen und nationalistischen Übergriffen. Wir verteidigen das Menschenrecht auf Asyl. Damit Menschen nicht fliehen müssen, fordern wir von der Bundesregierung, jegliche militärische Einmischung in Krisengebiete einzustellen.

Die Bundesregierung muss an politischen Lösungen mitwirken, zivile Konfliktbearbeitung fördern und wirtschaftliche Hilfe für den Wiederaufbau der zerstörten Länder leisten.

Die Menschen brauchen weltweit Gerechtigkeit. Deshalb lehnen wir neoliberale Freihandelszonen wie TTIP, CETA, ökologischen Raubbau und die Vernichtung von Lebensgrundlagen ab.

Deutsche Waffenlieferungen heizen die Konflikte an. Weltweit werden täglich 4,66 Milliarden Dollar für Rüstung verpulvert. Die Bundesregierung strebt an, in den kommenden acht Jahren ihre jährlichen Rüstungsausgaben von 35 auf 60 Milliarden Euro zu erhöhen. Statt die Bundeswehr für weltweite Einsätze aufzurüsten, fordern wir, unsere Steuergelder für soziale Aufgaben einzusetzen.

Das Verhältnis von Deutschland und Russland war seit 1990 noch nie so schlecht wie heute. Die NATO hat ihr altes Feindbild wiederbelebt, schiebt ihren politischen Einfluss und ihren Militärapparat durch Stationierung schneller Eingreiftruppen, Militärmanöver, dem sogenannten Raketenabwehrschirm – begleitet von verbaler Aufrüstung – an die Grenzen Russlands vor. Das ist ein Bruch der Zusagen zur deutschen Einigung. Russland antwortet mit politischen und militärischen Maßnahmen. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden. Nicht zuletzt steigert die Modernisierung genannte Aufrüstung der US-Atomwaffen die Gefahr einer militärischen Konfrontation bis hin zu einem Atomkrieg.

Sicherheit in Europa gibt es nur MIT und nicht GEGEN Russland.

Wir verlangen von der Bundesregierung:

  • den Abzug der Bundeswehr aus allen Auslandseinsätzen
  • die drastische Reduzierung des Rüstungsetats
  • den Stopp der Rüstungsexporte
  • die Ächtung von Kampfdrohnen
  • keine Beteiligung an NATO-Manövern und Truppenstationierungen entlang der Westgrenze Russlands.
  • Wir sagen Nein zu Atomwaffen, Krieg und Militärinterventionen.

    Wir fordern ein Ende der Militarisierung der EU. Wir wollen Dialog, weltweite Abrüstung, friedliche zivile Konfliktlösungen und ein auf Ausgleich basierendes System gemeinsamer Sicherheit.
    Für diese Friedenspolitik setzen wir uns ein.
    Wir rufen auf zur bundesweiten Demonstration am 8.10.2016 in Berlin.


    Veröffentlicht am 2. Oktober 2016 in den Kategorien: Allgemein Antimilitarismus/Friedenspolitik Demonstration